In ihrer Ausstellung The Highest Point of an Empty Temple setzt sich Polina Shcherbyna mit den Enttäuschungen und Schrecken des 21. Jahrhunderts auseinander und verweist dabei auf den wiederkehrenden Kreislauf von Tragödie und Hoffnung, der sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte zieht. In vier miteinander verbundenen Kapiteln untersucht sie die menschliche Verletzlichkeit, den Konflikt zwischen Gut und Böse sowie die Paradoxien menschlicher Existenz – darunter die Frage, wie Menschen gerade im Kampf für Freiheit und Rechte diese selbst opfern können.
Im Zentrum der Ausstellung steht die Figur des Opfers. Shcherbyna nähert sich dieser Figur durch sakrale Bildwelten und historische Bezüge und führt verschiedene Momente kollektiver Gewalt und des Leidens zusammen: die Belagerung Kyjiws im Jahr 1240, den Zweiten Weltkrieg und den Russisch-Ukrainischen Krieg. Anstatt diese Ereignisse als voneinander isolierte historische Episoden darzustellen, verbindet die Künstlerin sie durch wiederkehrende Bilder von Opfer, Verlust, Macht und Überleben. Die Vergangenheit wird zu einer Linse, durch die die Gegenwart erfahrbar wird, während die Frage nach der Zukunft offenbleibt.
In diesem Zusammenhang tritt Shcherbynas Arbeit in einen Dialog mit den philosophischen Gedanken von Giorgio Agamben und Hannah Arendt sowie mit Andrei Tarkowskis Film Andrei Rublev. Ihre Auseinandersetzungen mit Gewalt, Macht, Geschichte, Verantwortung und der menschlichen Existenz hallen in der gesamten Ausstellung nach. Sakrale Bildsprache dient dabei nicht lediglich als Verweis auf religiöse Tradition; vielmehr wird sie zu einem Mittel, sich mit dem Leiden auseinanderzusetzen und der Frage nachzugehen, wie Bilder von Opfer, Mitgefühl und Erlösung heute noch zu uns sprechen können.
Aus ästhetischer und sinnlicher Perspektive beschwört die Ausstellung die Atmosphäre eines Tempels. Doch es ist ein Tempel, der nicht von Transzendenz oder Trost geprägt ist, sondern von den Spuren menschlichen Leidens. Sakrale Bilder werden zu Artefakten des Schmerzes und tragen die Erinnerung an Wunden in sich, die ungelöst bleiben. Christliche Bildwelten, darunter die Kreuzigung, werden in Beziehung zur Gewalt der modernen Welt gesetzt. So entsteht ein Raum, in dem das Sakrale und das Politische, das Historische und das Persönliche in unmittelbare Nähe zueinandertreten.
Die Materialität der Arbeiten verstärkt diese Spannung. Shcherbyna arbeitet auf ungrundiertem Leinen und verwendet eine charakteristische Palette dunkler Pigmente. In die Oberflächen geschnitzte und eingebrannte Spuren zeugen von der physischen Bearbeitung des Materials, während sich einzelne Gemälde zu monumentalen Installationen erweitern. Die Arbeiten stellen Wunden oder Akte der Gewalt nicht lediglich dar; ihre Oberflächen selbst werden zu Orten des Bruchs, des Drucks und der Transformation. Entstanden zwischen 2023 und 2025, spiegeln sie eine von Krieg, Unsicherheit und tiefgreifenden sozialen und spirituellen Erschütterungen geprägte Zeit wider.
Die vier Kapitel entfalten sich als eine Erzählung in großer Form. Sie bewegen sich zwischen Leere und Erinnerung, Sprache und Glauben, körperlichem Leiden und Mitgefühl. Jede Episode nähert sich der Figur des Opfers aus einer anderen Perspektive. Gemeinsam bilden sie eine Meditation über das Verhältnis von Macht und Verletzlichkeit. Die Ausstellung fragt danach, was nach der Zerstörung bleibt, wie Erinnerung weitergetragen werden kann und ob Mitgefühl eine Form des Widerstands gegen Gewalt sein kann.
Gleichzeitig thematisieren die Arbeiten ein zunehmendes Gefühl spiritueller Armut in einer von Krieg geprägten Welt. Shcherbynas Suche nach einer neuen Spiritualität wird dabei nicht als Flucht vor der Wirklichkeit verstanden, sondern als Versuch, die Sensibilität für den Schmerz der Welt zu bewahren. Ihre Bilder bewegen sich zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen der Erfahrung einer scheinbar leeren Welt und der Möglichkeit von Erneuerung.
Letztlich hinterlässt die Ausstellung eine grundlegende Frage: Ist Wiedergeburt an einem Ort der Leere möglich?
Polina Shcherbyna (*1993 in Kyjiw, Ukraine; lebt in Leipzig) ist bildende Künstlerin und Malerin. Sie studierte Monumentalmalerei und Tempelkultur an der Nationalen Akademie der Bildenden Künste und Architektur in Kyjiw bei Professor Mykola Storoschenko (2012–2018). Ihre Arbeiten wurden in Ausstellungen und Artist-in-Residence-Programmen in Europa, den USA und der Ukraine präsentiert.