Nachruf Karin Fleischer

November, 2022
 Künstlerin Karin Fleischer blickt den Betrachter offen an. 

Karin Fleischer
1943 – 2022

Foto: Juliane Zitzlsperger

 

Zum Tod der Künstlerin Karin Fleischer

Als wir uns voriges Jahr bei einer Ausstellungseröffnung in der Alten Mühle Eichhofen trafen, erzählte Karin Fleischer voller Schaffensfreude von ihren Plänen. Im Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stand damals die kommende Ausstellung im Oberpfälzer Künstlerhaus Schwandorf. Die im Frühjahr eröffnete und dann wegen des großen Andrangs verlängerte Schau präsentierte ihr faszinierendes Kunstprojekt „Baumhäute“ – einen Waldspaziergang der besonderen Art. Auf langen Bahnen Chinapapier, die von der Decke herabhingen, konnte man sich in die Strukturen von Baumrinden mit all den Narben, Kerben, Kratzern, Einschnitten und Zeichen, die die Witterung, die Krankheiten, Bewuchs, Tiere und Menschen auf ihnen hinterlassen hatten, vertiefen. Die Oberflächen der Wesen und Objekte, die verschiedenen Kräfte, die auf sie einwirken, das Spiel mit den sich daraus ergebenden Strukturen und deren Wandel beschäftigten Karin Fleischer seit den Anfängen ihres vielfältigen künstlerischen Schaffens. Mit ihrer jüngsten Werkgruppe „Europäische Landschaften“ erweiterte sie dieses Thema auf die größtmögliche Dimension, die Erdoberfläche. Ihre Pleinair-Malereien, die sich bevorzugt Gebirgsmassiven widmeten, bannten das optische Erlebnis der gewaltigen Kräfte, die unsere Welt formten, auf Papier.

Ein ganz anderes, noch wichtigeres Thema war für sie die Synästhesie: den Impulsen aus der (unsichtbaren, vergänglichen) Musik in der (sichtbaren, beständigeren) bildenden Kunst eine neue Form zu geben und damit Grundstrukturen menschlicher Lebenserfahrung, wie sie einzelne Musikwerke vermitteln, zu visualisieren. Diese Arbeiten entstanden im spontanen Schaffensprozess, der darauf zielte, die Grenzen von Erfahrung und Bewusstsein zu überschreiten. „Ich verlieh der Bewegung von Energie, Klangfarbe, Richtung und musikalischem Ausdruck zeichnend Formen im Weiß des Blattes“, äußerte sie dazu. Ein Hauptwerk mit dem Titel „Atemhebung“ entstand 2017 bei einem Konzert zur Gregorianik im Münchner Liebfrauendom. Es verbildlicht den Vorgang des Atemholens. Beim Singen ist er die Voraussetzung für die Gestaltung des Tons und im Alltag ein elementarer, teils unbewusster Vorgang, ohne den das Leben erlischt. Diese abstrakte Zeichnung vermittelt eine große Ruhe und führt über das sinnlich Erfahrbare zum Transzendenten hin. Für ihre Werkschau im Abensberger Herzogskasten 2018 wählte die Künstlerin den Titel „sein und nicht sein“, ein Verweis auf das Spannungsfeld, in dem sie ihre künstlerische Arbeit ansiedelte und sich bewegte. – K.F. war viel unterwegs und organisierte erfolgreich Ausstellungen ihrer Werke im In- und Ausland. Im August wollte sie ein Stipendium für einen Studienaufenthalt in Frankreich nutzen. Den Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens bildete jedoch seit rund 45 Jahren ihr Atelier am Sitz der Familie in Laaber (Lkr. Regensburg), wohin sie gern Gäste einlud, um mit ihnen nach Herzenslust zu diskutieren. Am 25. Juli wurde Karin Fleischer völlig überraschend aus dem Leben gerissen.

Christine Riedl-Valder

(erschienen in Ausgabe 2022/4 ostbayerisches magzin lichtung, www.lichtung-verlag.de)

Partner/Förderer:

Der Förderverein Oberpfälzer Künstlerhaus e.V.  bedankt sich bei allen Premium-Partnern für die großzügige Förderung: